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Der Anlass für diesen Beitrag war ein Gespräch: Mein Kollege Adeel Khan, der sich seit Jahren mit regenerativen Zelltherapien befasst, beschäftigt sich unter anderem mit Muse-Zellen. In unserem Austausch kam das Thema zuletzt mehrfach auf – und weil mich danach auch Patientinnen und Patienten darauf ansprachen, habe ich die aktuelle Studienlage hier zusammengetragen. Nüchtern, mit dem, was belegt ist, und mit dem, was offen bleibt.

Sein Ausgangspunkt fand ich dabei bemerkenswert, weil er dem Bild widerspricht, das man von diesem Feld oft hat: Zelltherapien sind keine Abkürzung. Zuerst kommt das Fundament – Schlaf, Ernährung, Bewegung, Mitochondrienfunktion. Alles Weitere baut darauf auf oder bleibt wirkungslos. Das deckt sich mit dem, was am Ende dieses Beitrags steht.

Kurz gesagt: Muse-Zellen sind eine besondere Untergruppe körpereigener Stammzellen, die nach einer Infusion gezielt zu geschädigtem Gewebe wandern. In Japan laufen dazu seit Jahren ordentlich gemachte klinische Studien – mit vorsichtig ermutigenden, aber kleinen Ergebnissen. Zugelassen ist das Verfahren nirgends. Wer es im Ausland als fertige Therapie angeboten bekommt, sollte sehr genau hinsehen.

Was sind Muse-Zellen?

Die Abkürzung steht für „Multilineage-differentiating Stress Enduring“ – Zellen, die unter Stress überleben und sich in Gewebe verschiedener Keimblätter entwickeln können. Entdeckt wurden sie 2010 von Mari Dezawa an der Tohoku-Universität in Sendai. Sie machen nur wenige Prozent der Zellen im Knochenmark und im Bindegewebe aus.

Drei Eigenschaften machen sie für die Medizin interessant:

  • Sie finden ihr Ziel selbst. Nach einer Infusion in die Vene wandern sie bevorzugt in geschädigtes Gewebe – vermutlich entlang eines Signals, das verletzte Zellen aussenden.
  • Sie brauchen keine Gewebeübereinstimmung. In den Studien wurden Spenderzellen ohne HLA-Abgleich und ohne Immunsuppression gegeben, was bei Zelltherapien ungewöhnlich ist.
  • Sie bilden keine Teratome. Anders als embryonale Stammzellen oder iPS-Zellen wachsen sie im Tiermodell nicht unkontrolliert – das ist der entscheidende Sicherheitsunterschied.

Was die Studien zeigen

Die relevanten Daten stammen fast alle aus Japan und betreffen ein Zellpräparat mit der Bezeichnung CL2020.

Schlaganfall. Die bislang aussagekräftigste Arbeit ist eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie an Patientinnen und Patienten mit schwerem ischämischem Schlaganfall. 25 Personen erhielten 14 bis 28 Tage nach dem Ereignis eine einzelne Infusion, 10 ein Placebo – ohne Immunsuppression. Nach zwölf Wochen erreichten 40 % der Behandelten einen weitgehend selbstständigen Alltag (modifizierte Rankin-Skala ≤ 2), gegenüber 10 % in der Placebogruppe. Nebenwirkungen traten in beiden Gruppen auf; in der Behandlungsgruppe wurde ein schwerwiegender Fall (Status epilepticus) berichtet.

Weitere Anwendungen. Für die Nervenerkrankung ALS liegt eine offene Phase-2-Studie an fünf Personen vor: gut verträglich, ohne schwere Nebenwirkungen, aber ohne statistisch gesicherten Effekt auf den Krankheitsverlauf. Weitere Untersuchungen laufen unter anderem zu Rückenmarksverletzungen, Herzinfarkt und der Schmetterlingskrankheit.

Wie belastbar ist das?

Ehrlich eingeordnet: Es ist mehr, als die meisten Stammzellangebote vorweisen können – und deutlich weniger, als für eine Therapieentscheidung nötig wäre.

  • 35 Teilnehmende in der Schlaganfallstudie sind eine sehr kleine Zahl. Der Unterschied zwischen 40 % und 10 % beruht auf wenigen Personen; das Vertrauensintervall ist entsprechend breit.
  • Es handelt sich um frühe Phasen. Eine große Phase-3-Studie, die den Effekt bestätigt, gibt es bislang nicht.
  • Untersucht wurde die akute bis subakute Phase nach einer Schädigung – nicht das Altern und nicht eine allgemeine „Zellerneuerung“.
  • Die Langzeitsicherheit über viele Jahre ist offen.

Wie ist die Regulierung?

Muse-Zellpräparate sind weder in Japan noch in der EU oder in Deutschland als Arzneimittel zugelassen. In Europa gelten sie als Arzneimittel für neuartige Therapien (ATMP); ihre Anwendung außerhalb genehmigter klinischer Prüfungen ist nicht zulässig.

Außerhalb der EU gelten andere Regeln. In mehreren Ländern sind Zelltherapien über nationale Regelwerke zugänglich, die mit dem europäischen Zulassungsweg nicht vergleichbar sind. Das heißt nicht automatisch, dass eine Behandlung dort unseriös wäre – es heißt, dass die Prüfung stärker bei dir selbst liegt. Drei Fragen helfen: Welches Zellpräparat wird genau verwendet und wer stellt es her? Unter welcher behördlichen Genehmigung oder in welcher registrierten Studie findet die Behandlung statt? Und wie ist die Nachbeobachtung geregelt, wenn du wieder zu Hause bist?

Was das für dich heute bedeutet

Wir bieten keine Muse-Zelltherapie an und halten das beim aktuellen Stand für richtig. Was wir tun: den Verlauf beobachten und die Ergebnisse der laufenden Studien einordnen. Wenn dich regenerative Verfahren interessieren, die heute schon eine Datengrundlage haben, findest du sie auf unserer Seite zur Longevity-Medizin. Der sinnvolle erste Schritt bleibt ein sauberer Ausgangsbefund – die Parameter dazu stehen beim Longevity Check in Berlin. Fragen dazu besprechen wir gern persönlich, einen Termin kannst du hier buchen.

Häufige Fragen

Sind Muse-Zellen dasselbe wie Nabelschnur- oder Fettstammzellen?

Nein. Muse-Zellen sind eine kleine, gesondert aufbereitete Untergruppe. Ein Präparat aus Fettgewebe oder Nabelschnurblut enthält sie allenfalls zufällig in geringer Menge.

Kann man Muse-Zellen zur Vorbeugung geben?

Dafür gibt es keinerlei Daten. Das Wirkprinzip setzt voraus, dass es geschädigtes Gewebe gibt, zu dem die Zellen wandern können.

Warum dauert das so lange?

Weil Zelltherapien aufwendig herzustellen und zu prüfen sind und weil eine kleine Phase-2-Studie eben keine Zulassung trägt. Das ist kein Hindernis, sondern der Grund, warum man einem zugelassenen Präparat später vertrauen kann.

Quellen

  • Niizuma K et al. Randomized placebo-controlled trial of CL2020, an allogenic Muse cell-based product, in subacute ischemic stroke. J Cereb Blood Flow Metab 2023;43:2029–2039. doi:10.1177/0271678X231202594
  • Yamashita T et al. Safety and Clinical Effects of a Muse Cell-Based Product in Patients With Amyotrophic Lateral Sclerosis: Results of a Phase 2 Clinical Trial. Cell Transplant 2023;32. doi:10.1177/09636897231214370
  • Minatoguchi S et al. Donor Muse Cell Treatment Without HLA-Matching Tests and Immunosuppressant Treatment. Stem Cells Transl Med 2024;13:532–545. doi:10.1093/stcltm/szae018
  • Verordnung (EG) Nr. 1394/2007 über Arzneimittel für neuartige Therapien (ATMP).

Dieser Beitrag dient der allgemeinen gesundheitlichen Aufklärung. Er ersetzt weder eine ärztliche Beratung noch eine Diagnose und stellt keine Werbung für nicht zugelassene Verfahren dar. Die beschriebenen Therapien befinden sich, soweit nicht anders angegeben, in klinischer Prüfung und sind in Deutschland nicht zugelassen.

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