Kurz gesagt: Genschere und CAR-T sind keine Zukunftsmusik mehr – beides ist in Europa zugelassen und wird angewendet. Aber nur für klar umrissene, meist schwere Erkrankungen: Sichelzellkrankheit, bestimmte Blutkrebsarten, Beta-Thalassämie. Mit Anti-Aging hat das nichts zu tun. Die spannendste Entwicklung findet gerade an einer ganz anderen Stelle statt: bei Autoimmunerkrankungen.
CRISPR: Wo steht die Genschere heute?
Das CRISPR-Cas-System schneidet die DNA an einer definierten Stelle. Was dann passiert, entscheidet die Zelle beim Reparieren – man kann ein Gen stilllegen, korrigieren oder ersetzen. 2020 gab es dafür den Chemie-Nobelpreis, 2023 die erste Zulassung.
Was zugelassen ist. In der EU, den USA und Großbritannien ist eine CRISPR-basierte Therapie für die Sichelzellkrankheit und die transfusionsabhängige Beta-Thalassämie zugelassen. Das Prinzip: Dem Patienten werden Blutstammzellen entnommen, außerhalb des Körpers wird ein Schalter-Gen ausgeschaltet, sodass die Zellen wieder fetales Hämoglobin bilden – und die Zellen werden nach einer Chemotherapie zurückgegeben. In den Zulassungsstudien waren die allermeisten Behandelten anschließend über Jahre frei von Schmerzkrisen beziehungsweise transfusionsfrei.
Der Preis dafür ist hoch, im Wortsinn und medizinisch: Die vorbereitende Chemotherapie ist belastend, und die Kosten liegen im siebenstelligen Bereich pro Behandlung.
Die Genschere im Körper statt im Labor
Der nächste Schritt ist, die Schere direkt in den Menschen zu bringen. Zwei Beispiele, die zeigen, wie schnell das geht:
- Transthyretin-Amyloidose. Seit 2021 wird eine Infusion erprobt, die das krankmachende Gen in der Leber abschaltet. Schon eine einmalige Gabe senkte das schädliche Eiweiß im Blut dauerhaft; die Phase-3-Prüfung läuft.
- Ein einzelnes Kind. 2025 wurde ein Säugling mit einem sehr seltenen Harnstoffzyklus-Defekt mit einer Therapie behandelt, die ausschließlich für ihn entwickelt wurde – von der Diagnose bis zur ersten Gabe vergingen rund sechs Monate. Medizinisch ist das ein Einzelfall. Regulatorisch ist es ein Präzedenzfall: Es zeigt, dass maßgeschneiderte Gentherapien grundsätzlich machbar sind.
CAR-T: Das Immunsystem umprogrammieren
Bei einer CAR-T-Therapie werden körpereigene T-Zellen entnommen und im Labor mit einem künstlichen Rezeptor ausgestattet, der ein bestimmtes Merkmal auf der Zielzelle erkennt. Zurückgegeben suchen sie dieses Merkmal im ganzen Körper.
Zugelassene Anwendungen in Europa betreffen bislang Blutkrebserkrankungen: bestimmte aggressive B-Zell-Lymphome, das follikuläre Lymphom, das Mantelzell-Lymphom, die akute lymphatische Leukämie bei jungen Patientinnen und Patienten sowie das Multiple Myelom. Bei soliden Tumoren – Brust, Lunge, Darm – funktioniert das Prinzip bisher nicht zuverlässig, weil ein eindeutiges Zielmerkmal fehlt und das Tumorumfeld die Zellen ausbremst.
Die eigentliche Überraschung: Autoimmunerkrankungen
2024 veröffentlichte eine Arbeitsgruppe der Universität Erlangen eine Fallserie, die international aufhorchen ließ: 15 Menschen mit schwerem Lupus, Muskelentzündung oder systemischer Sklerose erhielten eine einmalige CAR-T-Infusion gegen B-Zellen. Alle acht Lupus-Patientinnen und -Patienten erreichten eine Remission nach strengen Kriterien, alle konnten ihre Immunsuppressiva vollständig absetzen, und der Effekt hielt bei einer mittleren Nachbeobachtung von 15 Monaten an.
Die Logik dahinter ist bestechend: Man vernichtet nicht den Tumor, sondern setzt das fehlgeleitete Immunsystem zurück – und wenn die B-Zellen danach neu entstehen, ist der Autoimmunfehler weg. Aber: 15 Personen sind eine Fallserie, keine kontrollierte Studie. Kontrollierte Prüfungen laufen; bis zu einer Zulassung für Autoimmunerkrankungen ist es noch ein Stück Weg.
Und was hat das mit Longevity zu tun?
Unmittelbar: nichts. Es gibt keine Genschere gegen das Altern und keine CAR-T-Zelle, die Lebensjahre schenkt. Wer solche Angebote sieht, sollte sehr skeptisch sein.
Mittelbar aber viel. Beide Verfahren zeigen, dass Krankheiten, die jahrzehntelang als unveränderlich galten, an der Ursache behandelbar werden. Im Tiermodell gibt es erste Arbeiten zu CAR-T-Zellen, die gealterte, entzündungsfördernde Zellen entfernen – seneszente Zellen. Ob daraus je eine Anwendung am Menschen wird, ist völlig offen.
Was heute zählt, ist unspektakulärer und dafür sicher: früh erkennen, was sich verändert. Die Parameter, die wir dafür erheben, stehen beim Longevity Check in Berlin; einen Überblick über unsere Verfahren findest du auf der Seite zur Longevity-Medizin. Für ein persönliches Gespräch kannst du einen Termin buchen.
Häufige Fragen
Verändert CRISPR das Erbgut meiner Kinder?
Nein. Alle zugelassenen und in Prüfung befindlichen Anwendungen betreffen Körperzellen. Eingriffe in Ei- oder Samenzellen sind in Deutschland nach dem Embryonenschutzgesetz verboten.
Kann man CAR-T vorbeugend einsetzen?
Nein. Die Therapie erfordert eine vorbereitende Chemotherapie und kann schwere Nebenwirkungen auslösen, darunter das Zytokinfreisetzungssyndrom. Das ist bei einer bestehenden schweren Erkrankung vertretbar, nicht zur Vorsorge.
Bekommt man diese Behandlungen in Deutschland?
Ja, an spezialisierten Universitätskliniken und Zentren, für die zugelassenen Indikationen und auf Überweisung. Wir bieten weder CRISPR- noch CAR-T-Therapien an.
Quellen
- Frangoul H et al. CRISPR-Cas9 Gene Editing for Sickle Cell Disease and β-Thalassemia. N Engl J Med 2021;384:252–260. doi:10.1056/NEJMoa2031054
- Gillmore JD et al. CRISPR-Cas9 In Vivo Gene Editing for Transthyretin Amyloidosis. N Engl J Med 2021;385:493–502. doi:10.1056/NEJMoa2107454
- Musunuru K et al. Patient-Specific In Vivo Gene Editing to Treat a Rare Genetic Disease. N Engl J Med 2025. doi:10.1056/NEJMoa2504747
- Müller F et al. CD19 CAR T-Cell Therapy in Autoimmune Disease – A Case Series with Follow-up. N Engl J Med 2024;390:687–700. doi:10.1056/NEJMoa2308917
Dieser Beitrag dient der allgemeinen gesundheitlichen Aufklärung. Er ersetzt weder eine ärztliche Beratung noch eine Diagnose und stellt keine Werbung für nicht zugelassene Verfahren dar. Die beschriebenen Therapien befinden sich, soweit nicht anders angegeben, in klinischer Prüfung und sind in Deutschland nicht zugelassen.